GRAD
Kuttenberger Handschriften des 15. und 16. Jahrhunderts

Einleitung



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Kuttenberg (Kutná Hora) ist heute vor allem durch seine mittelalterlichen Architekturdenkmale bekannt. Es gibt jedoch auch eine Reihe anderer historischer Zeugnisse, die über das Leben in dieser Stadt in den vergangenen Jahrhunderten Auskunft geben. Einen bedeutenden Platz unter ihnen nehmen liturgische Bücher ein, welche in Noten die Kompositionen festhalten, die in jener Zeit in den Kuttenberger Kirchen gesungen wurden - Graduale, Missale, Antiphonare und Kanzionale.

Den Hauptanteil an der Entfaltung des gottesdienstlichen Gesangs gegen Ende des 15. Jahrhunderts hatten in Böhmen die sog. Literarischen Bruderschaften. Es handelte sich um Vereine gebildeter Bürger der Städte, die für den liturgischen Gesang im Rahmen des utraquistischen (hussitischen) Gottesdienstes sorgten. Im Grunde waren es kleine Männerchöre (10-20 Personen), die zunftartig organisiert waren. Die Existenz solcher Bruderschaften ist auch in Kuttenberg vielfach belegt. Es heißt, dass hier jede Kirche seine eigenen Literaten hatte, die Hohe Kirche (St. Jakob) hatte sogar zwei Chöre, einen tschechischen und einen lateinischen [21]. Die Existenz der Literarischen Bruderschaft soll hier sogar seit d em Jahr 1416 nachgewiesen sein [1].

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Vor allem der Pflege dieser Bruderschaften ist die Entstehung einer Reihe liturgischer Bücher zu verdanken, die oftmals reich illuminiert waren. Wir finden hierüber auch in Kuttenberg etliche Aufzeichnungen [21].

In Kuttenberg gab es keine Buchmalerwerkstatt und daher wurden die meisten dieser Bücher in Prag hergestellt. Lediglich einige nicht illuminierte Handschriften könnten von örtlichen Schreibern angefertigt worden sein. Es existieren allerdings Belege für Arbeiten ortsansässiger Schreiber an Gesangbüchern während des 16. Jahrhunderts [21].

Das Repertoire dieser Bücher unterschied sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts nicht wesentlich von anderen Gesangbüchern jener Zeit. Die Liturgie der utraquistischen Kirche glich in jener Zeit sehr der katholischen Liturgie und daher finden wir hier für die einzelnen Abschnitte des Kirchenjahres überwiegend einstimmige lateinische Choräle und Hymnen vor, die von der alten Tradition des gregorianischen Chorals ausgehen. Darüber hinaus fanden sich in manchen Quellen mehrstimmige Aufzeichnungen von lateinischen und tschechischen Liedern sowie mittelalterliche Motetten.

Von all dieser großen Vielfalt ist nur ein kleiner Bruchteil an Büchern bis heute erhalten geblieben. Einige von ihnen – insbesondere die reicher ausgeschmückten – werden heute außerhalb von Kuttenberg aufbewahrt und sind nur schwer zugänglich. Überdies konzentrierte sich das Interesse der meisten Forscher überwiegend auf die gestalterische Seite der Werke, die musikalische Seite blieb bis auf Ausnahmen im Hintergrund. Nun entstanden diese Bücher allerdings gerade wegen der Musik und deshalb ist ihre musikalische Seite sicherlich größerer Aufmerksamkeit wert. Ich bin der Ansicht, dass einige dieser Quellen (das Graduale des Tschechischen Silbermuseums und der sog. Kuttenberger Kodex) in musikalischer Hinsicht überaus bedeutsam sind und es ist bemerkenswert, dass sie bisher keine größere Beachtung gefunden haben.

Diese Seiten sind ein Versuch, die bisher entdeckten Kuttenberger musikalischen Handschriften komplex darzustellen. Mögen sie zu weiteren Nachforschungen anregen.
An dieser Stelle möchte ich all jenen danken, die mir bei meinen Forschungen bereitwillig geholfen haben: der Direktorin des Kreisarchivs Kutná Hora Dr. phil. Jana Bissingerová und der Direktorin des Tschechischen Silber-Museums Kutná Hora Dr. phil. Světlana Hrabánková, die mir die Anfertigung einer Fotodokumentation der Quellen ermöglichten, und ihren Mitarbeitern Dr. phil. Vojtěch Vaněk und Mag. Josef Kreml für ihre vielfältige fachliche Unterstützung, Dr. phil. Milada Studničková CSc. (Institut für Kunstgeschichte der Akademie der Wissenschaften), Doz. Dr. phil. Jaromír Černý, CSc., Dr. phil. David Eben, Ph.D., Mag. Jan Baťa (Lehrstuhl für Musikwissenschaft der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität Prag) und Dr. phil. Martin Horyna (Lehrstuhl für Musikerziehung der Südböhmischen Universität České Budějovice ) für die fachlichen Hinweise und Konsultationen. Der größte Dank jedoch gebührt Gott, dem Herrn, zu dessen Ruhm all diese Bücher entstanden.
Štěpán Kafka
CANTICA 2006. Kontakt: kafka@email.cz